Bilder der Lebendigkeit

Das erste Mal sah ich die Bilder von Rolf Hambrecht während eines Gastspiels in einer kleinen Café Galerie in Freiburg und ich war wie vom Donner gerührt von diesen magischen Bildern mit Pastellkreide gemalt und ließ meinen Kaffee kalt werden, weil ich mich gar nicht losreissen konnte

von diesen leuchtenden, intensiven Gemälden, die Menschen zeigen, die einem so nah und unverfälscht begegnen und trotzdem ein Scheu zu haben scheinen, wie Fremde denen man zu nahe kommt, diese Nähe, die die Bilder erzeugen finde ich sehr faszinierend.

Junge Männer trotzig - wild - sich zur Schau stellend und doch zerbrechlich zugleich, fast abweisend, ein bisschen melancholisch manchmal und eben von dieser atemberaubenden Unmittelbarkeit - dabei aber überhaupt nicht kitschig, sondern voller Lebendigkeit.

Ich habe nun selbst ein Bild von Rolf Hambrecht bei mir hängen und bin immer wieder beglückt von dieser Lebendigkeit, die die beiden Jungs darauf immer noch für mich ausstrahlen, wie Menschen eben sind, verletzlich, neugierig, abwartend, alltäglich, seiend - und lebendig.

 

Georgette Dee

"Ich war ja – was ich nicht oft tue – letzten Donnerstag auf einer Vernissage. Den Künstler, Rolf Hambrecht, kenne ich schon seit Jahren, weil er früher eine Kneipe betrieben hat, ein kleines, dunkles, verrauchtes und nach Bier stinkendes Loch, den Rattenspiegel, kurz: die beste Kneipe Freiburgs. Im Halbdunkel hingen dort immer ein paar seiner Bilder, wenn er Lust hatte, wechselte er sie aus. Ich glaube, viele der Besucher haben gar nicht realisiert, daß die Bilder von dem Mann hinter der Theke gemalt worden waren. Der Rattenspiegel mußte dann der Geldgier der Besitzer weichen, weil diese sich einbildeten, aus Büroraum mehr Miete herausschlagen zu können.

Warum ich das erzähle? In den Jahren nach dem Tod des Rattenspiegels war ich auf einigen Vernissagen von Rolf, an verschiedenen Orten. Rolfs Bilder wurden, da er keine Kneipe mehr führen mußte und mehr Zeit zum Malen hatte, von Ausstellung zu Ausstellung besser. Aber irgendwie habe ich mich bei den Vernissagen trotzdem immer nicht ganz wohl gefühlt. Bis auf letzten Donnerstag: Die neue Ausstellung ist im Slowclub, einem kleinen, dunklen, verrauchten und nach Bier stinkenden Loch, kurz: dem aktuell besten Club in Freiburg. Es spielte kein Pianist Chopin, sondern es lief, wie früher im Rattenspiegel Lou Reed und die Friends of Dean Martinez, es wurde gequalmt und gequatscht, über Kunst und den Zwang, Geld verdienen zu müssen, über alberne Blog-Nicknames wie “Alter Bolschewik”, über dies und jenes, dabei das Bier aus der Flasche getrunken, in summa: ein rundum gelungener Abend. Und man hatte das Gefühl: Nicht nur die Besucher, sondern auch die Bilder haben sich zum ersten Mal seit Jahren wieder wohlgefühlt."
der autor nennt sich "alter bolschiwik" und das ganze bezieht sich auf meine ausstellung 2011 im "slowclub".


Rede zur Ausstellungseröffnung am 12. Oktober 2007
Es mutete etwas seltsam an, Rolfs Bilder in hellen Räumen,
auf frisch geweißelten Wänden hängen zu sehen.
Meine erste Begegnung mit diesen Bildern fand in einer
Umgebung statt, die zur heutigen nicht unterschiedlicher
hätte sein können. Sie hingen in einer winzigen, dunklen
Kneipe, dem Rattenspiegel an der Eschholzstraße. Die Luft
war verqualmt, es roch nach Alkohol, aus den kleinen,
schlechten Boxen dröhnten, je nach Laune desWirtes Johnny
Cash, Lou Reed oder auch die Beach Boys.
Dieser Wirt war Rolf Hambrecht, der mit der gleichen
Liebe, die er seinen Bildern angedeihen läßt, auch das
Pils hinter der Theke zapfte. Bis vor einem Jahr. Inzwischen
gibt es den Rattenspiegel nicht mehr, was ein Jammer
ist; wobei es vielleicht auch besser so ist. Was wäre
eine Kneipe wie der Rattenspiegel nach dem Rauchverbot?
Zu den Bildern gehört für mich neben dem Geruch
nach Zigaretten und Bier auch der gelbliche Nikotinschleier,
der sich langsam auf Glas und Rahmen ablagerte.
Irgendwann nahm Rolf dann die Bilder ab, reinigte Glas
und Rahmen, und hängte sie, mit neuen Bildern versehen,
wieder auf.
Umso erstaunter war ich, als ich die Bilder, die ich längst
kannte, erstmals in einer Ausstellung sah: Aus dem Dunkel
der Kneipe herausgeholt explodierten sie buchstäblich
vor Farbigkeit, ließen Nuancen hervortreten, die man un-
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ter dem Nikotinschleier nie vermutet hätte. Es tat den Bildern
ganz offensichtlich gut, aus der Kneipe heraus ans
Licht zu kommen.
Und doch ist dieser Kontext, in dem ich die Bilder erstmals
wahrnahm, wichtig, denn er markiert auch den künstlerischen
Standpunkt, aus dem heraus sie überhaupt erst
verständlich werden.Was ich damit meine, erschließt leicht
aus dem Titel einer der ersten großen Austellungen von
Rolf: Liebeserklärung an Jean-Arthur Rimbaud. Rimbaud,
der Dichter der Pariser Commune, war ein Außenseiter
des literarischen Betriebes. Karlheinz Bark schreibt über
ihn:
„Man schätzte es nicht an diesem Rimbaud, daß
er ein schlechtes Gedicht einfach beschissen nannte
und den angesehenen Edmond Lepelletier als
„Tintenpisser“ bezeichnete. Auf die meisten dieser
einigermaßen arrivierten Literaten der Pariser
Boheme, für die der Elfenbeinturm die elitäre
Konsequenz ihrer antibürgerlichen Revolte
des „épater le bourgeois“ war, wirkte Rimbauds
Gegenwart und seine ganz andere Haltung wie ihr
lebendiger Gegensatz.“
Es wäre vermessen von mir, den künstlerischen Rang von
Jean-Arthur Rimbaud und Rolf Hambrecht vergleichen zu
wollen, das überlasse ich Berufeneren. Vergleichbar aber
ist auf jeden Fall die Haltung: Es geht um eine Form künst-

lerischer Produktion, die sich davon frei gemacht hat, den
Anforderungen sowohl des etablierten Kunstbetriebs wie
auch seines Pendants, des literarischen oder künstlerischen
Undergrounds genügen zu wollen.Weder hat Rolf bei Professor
xy studiert, noch gehört er zur vielversprechenden
Künstlergruppe z. Rolf malt. Punkt. Abseits aller Moden
und Strömungen; das was ihm wichtig ist. Und dieses „das“
hat mehr mit dem Leben als mit dem Kunstbetrieb zu tun.
In einem wesentlichen Punkt unterscheidet er sich allerdings
von Rimbaud: Auf dessen Diktum, man müsse
vor allem modern sein, ließ er sich nie ein. Vor zwei ganz
zentralen Topoi der künstlerischen Moderne hat Rolf die
Finger gelassen: Von der Abstraktion und von der Provokation.
Das Fehlen der Abstraktion ist offensichtlich. Rolfs Bilder
sind gegenständlich, sie bilden ab. Ein Bild mit dem
TitelKronenbourg—Hansa—Fürst zum Beispiel genau das:
Zwei Flaschen Kronenbourg, eine Dose Hansapils und eine
Flasche Fürstenberg. Im Titel nicht erwähnt ist das zerbrochene
Glas mit einer roten Flüssigkeit, von der man
lieber nicht wissen will, um was es sich handelt.
DerWitz dieses Bildes liegt natürlich im impliziten Bezug
auf die Prunkstilleben des 17. Jahrhunderts; nur werden
hier keine Nautiluspokale oder elegantenWeinkelche,
keine Austern oder Brombeertörtchen drapiert, sondern
Abfall, bevor er im Altglascontainer oder im gelben Sack
landet. Es ist ein Un-Prunkstilleben, die dargestellten Ge-

genstände dienen dazu, die Kunst aus luftigen Höhen auf
den Boden der Realität herunterzuholen. Auf einem Tisch
steht, zumindest bei Rolf, eher eine Flasche Bier als eine
Obstschale. Natürlich geht es auch hier, wie bei den Malern
des 17. Jahrhunderts um Farbe, Licht, Komposition.
Aber letztendlich meint eine Bierflasche bei Rolf genau
das: Eine Bierflasche.
Damit macht er es dem Kunstkritiker natürlich explizit
schwer: In der Kunst des letzten Jahrhunderts war die Interpretation
einesWerkes oft wichtiger als dasWerk selbst;
zumindest lebten die meisten Kunstwerke in Symbiose
mit ihrer Interpretation. Rolfs Bilder hingegen verweigern
sich großspuriger Interpretation. Ein benutztes Kondom in
dem Bild sunday morning verweist nur auf eines: Daß am
Samstag Abend gevögelt wurde. Selbst scheinbar ganz offensichtliche
Verweise entpuppen sich als herbeigezogen.
Nur ein Beispiel: Es gibt von Rolf ein Porträt des Filmemachers
Derek Jarman, das ganz in Blautönen gehalten
ist. Für mich war klar, daß sich diese Blautöne auf Jarmans
letzten Film mit dem Titel Blue bezogen. Auf Nachfrage
beim Künstler wurde mir dann beschieden, daß das
Bild bereits vor Blue gemalt wurde und daß er den Film
für einen unerträglichen Schmarren hält.
Soviel zu Abstraktion und Interpretation. Bleibt der andere
Topos der modernen Kunst, die Provokation. Rolfs
Bilder wollen nicht provozieren. Daß die von ihm gemalten
Aktbilder gelegentlich als anstößig empfunden wer-
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den, liegt fraglos an den Betrachtern, nicht an den Bildern.
Aktbilder gehören seit der Renaissance zum festen
Motivbestand der europäischen Malerei. Nur beschränkt
sich der Gegenstand in aller Regel gut patriarchalisch auf
den weiblichen Körper. Rolf ist schwul und also malt er in
seinen Aktbildern nackte Männer — was den männlichheterosexuellen
und merkwürdigerweise sogar den weiblichen
Blick gelegentlich irritiert.
Zu Unrecht, denn die von Rolf gemalten Akte haben,
ganz im Gegensatz zu denen vieler seiner heterosexuellen
Kollegen aus den letzten vier Jahrhunderten, nichts voyeuristisches;
er macht seine Modelle nicht zu Objekten, die
den dominierenden Blicken des Malers oder Betrachters
ausgeliefert sind. Vielmehr liegt in diesen Bildern etwas,
das sich vielleicht am besten als Zärtlichkeit beschreiben
läßt.
Und genau diese Zärtlichkeit macht für mich — neben
dem technischen Können — die besondere Qualität
nicht nur der Akte, sondern aller seiner Bilder aus. Das
betrifft, neben den Akten, vor allem die zahlreichen Porträts.
Rolfs Porträts sind nie geschönt; sie zeigen die Porträtierten
nicht von ihrer besten Seite, sondern so, wie sie
einem im täglichen Leben begegnen oder zumindest begegnen
könnten. Doch diese Alltäglichkeit steht nicht im
Dienst eines speziellen Verismus, einer durch diese Alltäglichkeit
garantierten Authentizität. Keineswegs wollen
uns diese Bilder glauben machen, wir würden jetzt in ei-
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nem solchen Porträt etwas über das wahres Selbst der dargestellten
Person erfahren, etwas, das jenseits der Posen
und Selbstinszenierungen zu finden wäre. Rolf psychologisiert
nicht. Er respektiert die Distanz, läßt den Porträtierten
ihre Macken und Idiosynkrasien, fällt kein Urteil,
sondern akzeptiert sie mit dieser Zärtlichkeit des Blicks,
die den unverwechselbaren Charakter seiner Porträts ausmacht.
Noch schwerer zu fassen als dieses Oszillieren von respektvoller
Nähe und zärtlicher Distanz ist die letzte Komponente
dieser Bilder, auf die ich eingehen will. Es ist die
Musik. Es mag sein, daß das nur in meiner Einbildung so
ist, aber wenn ich sie sehe, dann ist für mich in den Bildern
auch die ganze Musik zu sehen, die den Rattenspiegel
als Kneipe so unverwechselbar machte. Nicht nur die
Musik von CD und Kassette, sondern vor allem auch die
Livekonzerte. Nigel Birch und sein Fleapit Orchestra, die
Tigerlillies, die Friends of Dean Martinez, das gehört zu
diesen Bildern genauso wie Lou Reed oder Townes van
Zandt. Es mag sein, daß ich mir das einbilde, aber ich
glaube, wer diese Musiker kennt und schätzt, wird auch
etwas von ihnen in diesen Bildern wiederfinden.
Doch bevor ich nun ganz sentimental werde und den
vergangenen Zeiten nachheule, will ich auf die eine gute
Sache, die die Schließung des Rattenspiegels mit sich
brachte, hinweisen: Rolf hat seither viel mehr Zeit zum
Malen, was einen unglaublichen Schub an Kreativität, so-
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wohl in quantitativer wie in qualitativer Hinsicht, freigesetzt
hat. Und dessen Ergebnis läßt sich in dieser Ausstellung
begutachten, die ich mich freue, hiermit eröffnen zu
dürfen.
Rolf, ich danke Dir, daß Du bereit warst, Deine Bilder
für diese Firmenfeier zur Verfügung zu stellen.

 

Michael Koltan